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Wintersaat

© Monika Böss

 

 

Immer wieder wollte sie von jener Fahrt nach Hanau erzählen. Eine Geschichte, die niemanden zu interessieren schien. Bei Familienfesten begannen ihre Nichten geräuschvoll den Tisch abzuräumen und die Neffen hüllten sich in den Rauch teurer Zigarren.

Was sollte das Geschwätz nach mehr als fünfzig Jahren?

Wen interessierte das noch?

 

In Hanau hatte sie ihren Verlobten Paul im Reservelazarett von Schloss Philippsburg besuchen wollen. Nach der Amputation seines linken Unterschenkels sollte er sich auf dem Weg der Genesung befunden haben.

 

Die Welt schien aus den Fugen geraten zu sein. Ereignisse überschlugen sich. Unruhen und Umbrüche. Der Krieg vorbei – und geblieben, gleich einer dunklen Verheißung, waren Ungewissheit und Verunsicherung.

 

Johannas Reise nach Hanau endete vor den Toren von Schloss Philippsburg.

Die „Spanische Grippe“ hatte Hanau erreicht und Paul gehörte zu ihren ersten Opfern.

 

Sein Bruder, der Pastor, der mit Johannas Schwester verheiratet war, behauptete, Paul sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

„Und die vier Jahre zuvor?“, entgegnete ich.

Der Pastor redete lange kein Wort mehr mit mir. Ich galt nun als die Naseweise in der Familie. Auch lag der andere Krieg noch nicht lange zurück – doch darüber äußerten sich die Männer in der Familie nie.

Die „Spanische Grippe“. Seltsam wie wenig an diese Katastrophe erinnert. Selbst Fotografien sind rar. Vielleicht steckt hinter dem beinahe Vergessen eine Art kollektiver Verdrängung. Was konnte nach dem großen Sterben in den Schützengräben noch erschrecken? In den Traueranzeigen aus dieser Zeit ist häufig zu lesen „von kurzer, schwerer Krankheit aus dem Leben gerissen“. Auffallend jung waren die Verstorbenen zudem oft gewesen.

Von einer Epidemie ist man anfangs nicht ausgegangen.

Eine erste Ansteckungswelle im Frühjahr 1918 ging relativ harmlos vorüber. Im Herbst des gleichen Jahres häuften sich allerdings die Infektionen mit aggressiven Verlauf. Die Haut der Erkrankten zeigte oftmals eine dunkelblaue Verfärbung – einem Zeichen der Unterversorgung mit Sauerstoff. Akutes Lungenversagen führte zum Tod. Ein grausames Sterben in kurzer Zeit.

Lange herrschte die Meinung vor, es mit einem „Grippe Bakterium“ zu tun zu haben. Den tatsächlichen Auslöser der Epidemie, die zur Pandemie ausartete, war das Influenza Virus, das erst 1933 nachgewiesen werden konnte.

 

Das gefährliche Virus war auf eine geschwächte, mangelernährte Bevölkerung getroffen. Vorbeugung und Vorsorge waren kaum möglich. Es wurde geraten, sorgfältig auf Reinlichkeit bedacht zu sein und sich regelmäßig die Hände zu waschen. Zudem wurde empfohlen mit Salzwasser zu gurgeln und große Menschenansammlungen zu meiden.

 

In Hanau blieben im Oktober 1918 viele Schulen wegen der großen Ansteckungsgefahr wochenlang geschlossen. Die Stadt befand sich in einem Ausnahmezustand – und der Winter stand vor der Tür.

 

Und Johanna? Über ihre Trauer sprach sie nie, nur die Fahrt nach Hanau hatte sich in ihr Bewusstsein eingegraben. Es begann damit, wie sie auf dem Bahnhof von Bischofsheim an diesem kalten Morgen auf den Zug wartete, während die Platanen auf dem Vorplatz gefällt wurden. Grau und gestaltlos seien ihr die Menschen erschienen. Es habe sie kein gutes Gefühl begleitet… Spätestens an dieser Stelle ihrer Erzählung räusperte sich einer der Neffen, oder eine Nichte klapperte viel zu laut mit dem Geschirr.

**

Es muss 1965 gewesen sein, als ich Johanna zum Friedhof nach Kelsterbach begleitete, wo sich Pauls Grab befand. Der Frühling war ausgebrochen. Lichtflecken und Schatten tanzten im warmen Wind und die Vögel sangen in den hohen Bäumen.

Sie strich mit der Hand über den verkieselten Stein. „Und alles wegen einer Grippe!“, murmelte sie.

„Das war nicht irgendeine Grippe!“, widersprach ich ihr.

„Was macht den Unterschied, Margit?“ Streng blickte sie mich an, eine alte Frau, doch seltsam zeitlos geblieben in ihrer schlanken Eleganz. Beinahe fünfzig Jahre war sie Lehrerin gewesen.

Wir verließen das Grab unter der hohen Rotbuche. Es würde bald eingeebnet werden, sagte sie, um mir dann die Geschichte der Fahrt nach Hanau zu Ende zu erzählen.

 

Eine schale Gleichgültigkeit habe sie gefühlt, so mehr sie sich dem Lazarett im Schloss Philippsburg genähert habe. „Ich hatte Angst ihn wiederzusehen, Margit!“, brach es aus ihr heraus.

„Ehrlich?“

Sie lächelte. „Es war der Krieg, der alles verändert hatte!“

Ich blickte sie schweigend an.

„Wir waren einmal ein schönes Paar!“

„Ja!“, sagte ich, „ich versuche es zu verstehen!“

„Es ist sehr einfach. Man soll sich nicht selbst belügen!“

Mich erstaunte ihre Ehrlichkeit. Sie war über achtzig Jahre alt und kein milder Schleier überdeckte ihre Erinnerung.

„Hast du etwas von der Grippeepidemie gewusst?“

Sie nickte. „Man hörte davon!“

„Und hast du dir Sorgen um ihn gemacht?“

„Nein, ich dachte, er ist an einem sicheren Ort!“

 

Am Eingangsportal des Schlosses sei sie von einer Rot-Kreuz-Schwester rüde zur Seite geschoben worden. Die Zeiten für feine Fräuleins, die die Betten der Krieger umlagerten, wären vorbei, erklärte sie ihr. Da habe sie ihr die Besuchserlaubnis gezeigt. Die Frau hätte den Kopf geschüttelt: „Zu spät!“

„Und du, was hast du gemacht, Tante Johanna?“

„Es hatte zu schneien angefangen, ganz weich und leicht haben die Flocken getanzt. Das Schloss versank in einem Wintertraum, ach, Margit, es ist so lange her!“

Sie hatte ihre Geschichte endlich zu Ende erzählen können.

Die Geschichte einer innigen Umarmung von Leben und Tod – und einer verlorenen Liebe.